„Historischer Moment“: Bayern und 1860 starten gemeinsames Projekt

Tim Schoster

Rot und Blau – gemeinsam an einem Tisch? Was jahrzehntelang undenkbar schien, ist nun Realität. Der FC Bayern und der TSV 1860 München ziehen bei einem Großprojekt für den bayerischen Nachwuchs erstmals seit vielen Jahren an einem Strang.

Die Rivalität zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860 ist in München tief verwurzelt. Zwei Welten, zwei Traditionen, zwei Identitäten – und wenig Gemeinsames. Umso überraschender ist der Schritt, den beide Klubs jetzt wagen: Gemeinsam unterstützen sie die Ausbildung von bis zu 5000 Kindertrainern in den kommenden vier Jahren. Ein Schulterschluss, wie es ihn in Bayern noch nie gegeben hat.

Die sogenannte „Kinderfußball-Allianz“ wird vom Bayerischen Fußballverband (BFV) getragen und umfasst neben den beiden Münchner Rivalen auch die Profiklubs aus Augsburg, Nürnberg, Fürth, Regensburg, Ingolstadt und Schweinfurt. Insgesamt werden über 500.000 Euro investiert, um jedem Verein im Freistaat mit Kinderfußball-Angebot zwei kostenfreie Ausbildungsplätze für Trainer zu ermöglichen.

BFV-Präsident Christoph Kern sprach von einem „historischen Moment“. In den fast 80 Jahren des Verbands habe es „noch nie einen Schulterschluss aller Profi-Vereine“ gegeben.

Ungewöhnliche Allianz – sportliche Feindschaft bleibt bestehen

Dass Bayern und 1860 ausgerechnet jetzt zusammenarbeiten, überrascht selbst langjährige Beobachter. Die Vereine haben sich sportlich seit Jahren nicht mehr begegnet, ihre Fanlager trennen Welten. Erst im März kam es am Rande eines Regionalliga-Spiels des TSV 1860 zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen beiden Fangruppen.

Der nun verkündete Schulterschluss ist daher alles andere als selbstverständlich – und zeigt, wie ernst es den Klubs mit der Basisarbeit ist. Doch frei von Reibung läuft die Kooperation nicht ab.

TSV-1860-Präsident Gernot Mang nutzte zuletzt die Bühne, um seinem großen Rivalen eine Spitze zu versetzen. Der FC Bayern sei ein „Kommerzverein, amerikanisch geführt“, dem es „mehr ums Geld als um Stimmung“ gehe. 1860 dagegen sei „Münchens große Liebe“.

Auch eine persönliche Begegnung mit Bayern-Präsident Herbert Hainer schilderte Mang süffisant: „Ich habe mich vorgestellt und er sagt: ‘Und wer sind Sie? Von Sechzig?’ Genau das Gleiche wie Sie, habe ich gesagt. Ich bin der Präsident vom e.V.“ Für Mang eine Szene, die das Verhältnis der Klubs symbolisiere.

Trotz Sticheleien: Das Projekt steht auf stabilem Fundament

Trotz atmosphärischer Spannungen sind sich alle Beteiligten einig: Die Nachwuchsförderung im Freistaat braucht dringend Unterstützung. Der BFV verzeichnet seit Jahren steigende Passzahlen – doch vielen Vereinen fehlen qualifizierte Trainer.

BFV-Präsident Kern betont: „Fußball boomt besonders bei den Jüngsten. Aber diese Kinder brauchen Ausbildung, Betreuung und Anleitung. Genau hier setzt die Allianz an.“

Der Schulterschluss zwischen Rot und Blau soll dazu beitragen, die Basis des bayerischen Fußballs nachhaltig zu stärken – und könnte, trotz aller Rivalität, zum Blaupause-Projekt für andere Regionen werden.

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