Im Sommer 2022 kam Georgia Stanway von Manchester City zum FC Bayern. Die englische Nationalspielerin ist absolute Leistungsträgerin bei den Münchnerinnen. Am Rande eines Sponsorentermins mit dem Sammelkarten-Hersteller Topps sprach die 27-Jährige im Interview mit FCBinside über ihre Ziele mit den Bayern-Frauen, das neue Stadion in Unterhaching und Nick Woltemade, der zu ihrem Lieblingsklub Newcastle wechselte. Zudem verriet Stanway, wofür sie Bayern-Leader Joshua Kimmich bewundert.
Frau Stanway, Sie scheinen sich beim FC Bayern sehr wohlzufühlen: Wie würden Sie den Klub jemandem beschreiben, der ihn nicht kennt?
Georgia Stanway: Ich liebe Bayern. Ich glaube, ich bin zum perfekten Zeitpunkt nach München gekommen. Alle haben angefangen, Englisch zu sprechen. Das hat es für mich einfacher gemacht. Ich konnte schneller die Taktik und meine Rolle bei Bayern München verstehen. Ich würde den FC Bayern “FC Familie” nennen. Alle sind einander sehr nahe. Es kann vorkommen, dass man in einen Gruppenchat schreibt: „Wer hat Lust, Essen zu gehen?“ Und dann kommt die ganze Mannschaft. Dann müssen wir ein Restaurant suchen, das Platz für 25 Leute hat (lacht). So etwas habe ich vorher noch nie erlebt. Wir sind alle nach München gekommen, um für Bayern zu spielen und Erfolg zu haben. Es ist so schön, unter Leuten zu sein, die dasselbe Ziel haben wie du.
Wie bewerten Sie den Stellenwert des Frauenteams innerhalb des Vereins und die Wertschätzung durch die Klubführung?
Stanway: Ich glaube, es ist alles sehr gut. Es wäre schön, wenn wir regelmäßig in der Allianz Arena spielen könnten. Manchmal, wenn wir dort spielen, ist es uns noch ein bisschen fremd und wir werden noch ein bisschen nervös. In den ersten Spielen in der Arena waren wir nicht so gut, weil es ziemlich nervenaufreibend für uns war. Also wäre es schön, dort noch mehr Erfahrungen zu sammeln und uns dort noch wohler zu fühlen. Dann kann die Arena auch richtig zu unserer Heimat werden. Aber gleichzeitig spielen wir gerne am Campus. Die Klubführung ist auch sehr erreichbar für uns. Wenn wir etwas brauchen, können wir einfach danach fragen. Es gibt immer eine direkte Kommunikation. Das ist alles sehr gesund.
Der Klub hat ein neues Stadion für das Frauenteam in Unterhaching gekauft. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Stanway: Wir haben schon letztes Jahr in der Vorbereitung dort gespielt, gegen Juventus. Es ist ein schönes Stadion, es hat die perfekte Größe für uns als Frauenteam. Am Campus haben wir einen Schnitt von 2500 Zuschauern. Die Allianz Arena ist für uns noch schwer, regelmäßig vollzukriegen. Darum glaube ich, dass die 15.000 Zuschauer in Unterhaching für uns die perfekte Größe sind, um auch immer wieder so viele Zuschauer ins Stadion zu locken.
Wie ist ihre bisherige Bilanz der Saison und was sind ihre Ziele dieses Jahr mit dem FC Bayern?
Stanway: In der Champions League hat es für uns etwas holprig begonnen. Wir hatten eine schmerzhafte Niederlage gegen Barcelona. Danach hatten wir aber einige gute Ergebnisse. Jetzt stehen wir wirklich gut da. Es ist das erste Mal, dass wir eine Ligaphase spielen und das gefällt mir sehr gut. Es gefällt mir, gegen mehrere verschiedene Teams anzutreten. Unser Ziel dieses Jahr ist, einen weiteren Schritt zu machen. Letzte Saison haben wir es bis ins Viertelfinale geschafft, jetzt sollten wir also mindestens das Halbfinale anpeilen.
Wie wollen Sie sich selbst als Spielerin weiterentwickeln?
Stanway: Das Wichtigste für mich ist Konstanz. Ich will mich außerdem auf meiner Position immer weiter verbessern. In schwierigen Spielen genauso wie in Spielen, in denen wir dominieren. Ich spiele gerne bei Bayern, weil ich hier viel Verantwortung trage. Ich bin hier gewachsen als Mensch, aber auch als Führungsspielerin. Ich will vorangehen mit Leistungen und nicht mit vielen Worten. Ich will außerdem weiter an meiner Passgenauigkeit arbeiten und auch in einer etwas defensiveren Rolle immer besser werden.

Eines ihrer schönsten Erlebnisse war bestimmt der Europameistertitel 2022 mit England im eigenen Land. 2029 wird die EURO in Deutschland stattfinden. Wie sehr freuen Sie sich darauf und welche Erfahrungen aus einem Turnier im eigenen Land können Sie ihren deutschen Kolleginnen erzählen?
Stanway: Ich glaube, das wird so cool! Ich weiß, was für einen Einfluss die EURO in England hatte. Nach dem Turnier kamen mehr Fans zu den Frauenspielen in der Liga. Es gab ein gewachsenes Interesse am Frauenfußball. Das hat dem Land so gutgetan! Und ich glaube, die EM in Deutschland wird nur positiv für Deutschland sein und den Frauenfußball auf ein neues Level heben. Es ist auch so cool, dass die Allianz Arena einer der Austragungsorte sein wird. Als englische Spielerin hoffe ich aber, dass wir in diesem Turnier nicht auf Deutschland treffen.
Sie sind Fan von Newcastle United. Wie finden Sie Nick Woltemade als Neuzugang? Der FC Bayern hätte ihn ja auch gerne verpflichtet. Hätte er besser nach München gepasst oder freuen Sie sich eher, dass er jetzt für Newcastle spielt?
Stanway: Ich bin froh, dass er in Newcastle spielt! Er ist gleich super gestartet. Er hat gleich angefangen, Tore zu schießen. Manchmal braucht ein Stürmer mehrere Wochen, um anzukommen, bei ihm hat es nur ein paar Tage gedauert. Er ist gleich voll eingeschlagen.
Glauben Sie, er hätte den Bayern gleich genauso geholfen?
Stanway: Wir haben doch Harry Kane! Den würde ich sogar Woltemade vorziehen.
Stanway kennt Bayern-Trainer Kompany noch aus ihrer Zeit in Manchester
Als Sie damals ein Fan waren, haben Sie auch Karten gesammelt?
Stanway: Als Kinder haben wir immer Karten gesammelt. Am Spielplatz haben wir dann untereinander getauscht. Wer hat die besten Karten? Das hat Spaß gemacht. Als ich ein Kind war, war ich nicht nur ein riesiger Newcastle-Fan, sondern auch Fan von Alan Shearer. Sobald ich die Glitzerkarte von Shearer hatte, hatte ich mein Ziel für das Jahr erreicht (lacht).
Wie fühlt es sich jetzt für Sie an, wenn Sie sich selbst auf einer Sammelkarte sehen?
Stanway: Es ist verrückt! Es fühlt sich wirklich unwirklich an, wenn ich eine Packung öffne und dann mein Bild sehe. Auch, wenn ich die Karte selbst unterschrieben habe, fühle ich mich auf einmal wieder wie ein Kind.
Was bedeutet es für den Frauenfußball, dass es jetzt auch die Sammelkarten für die Champions League der Frauen gibt?
Stanway: Es zeigt, wie sehr der Frauenfußball auf dem Weg nach oben ist. Wie populär der Frauenfußball ist und wie viele Menschen ihn genießen. Es ist unglaublich, zu sehen, wie sehr Frauenfußball wächst.

Die Deutsche Meisterschaft haben Sie zusammen mit dem Männerteam auf dem Rathausbalkon in München gefeiert und dabei auch zusammen mit Harry Kane gesungen. Von welchem Spieler aus dem Männerteam schauen Sie sich fußballerisch etwas ab?
Stanway: Ich liebe Kimmich! Ich liebe die Art, wie er spielt. Er will immer den Ball, er will immer Pässe nach vorne spielen, will immer die entscheidenden Räume finden, spielt tolle Seitenwechsel. Ich würde sagen, dass wir beide ungefähr den gleichen Stil auf dem Platz haben. Wir haben auch die gleiche Leidenschaft, wenn wir den Ball zurückerobern wollen und wollen beide viel am Spiel teilhaben.
Und wer ist der netteste Typ aus dem Männerteam?
Stanway: Mit wem ich mich sehr gut verstehe, ist Trainer Vincent Kompany. Seine Frau ist aus dem Nordwesten Englands, wie ich. Ich kenne ihn noch aus unserer gemeinsamen Zeit bei Manchester City. Darum ist es immer schön, ein bekanntes Gesicht zu sehen.
