Der FC Bayern hat sich im Jahr 2026 eine bemerkenswerte Eigenschaft zugelegt. Die Münchner brauchen aktuell keine 90 Minuten mehr, um ihre Spiele zu gewinnen. Eine starke zweite Halbzeit reicht – und das mit erstaunlicher Konstanz.
Ein Blick auf die jüngsten Ergebnisse zeigt ein klares Muster. Beim 8:1 gegen Wolfsburg lag der FC Bayern zur Pause nur knapp mit 2:1 vorne. In Köln stand es nach 45 Minuten 1:1, in Leipzig ging der Rekordmeister sogar mit einem 0:1-Rückstand in die Kabine. Und auch beim 2:0-Arbeitssieg in der Champions League gegen Union Saint-Gilloise lautete der Halbzeitstand noch 0:0.
Was all diese Spiele eint: Nach dem Seitenwechsel legten die Münchner jeweils deutlich zu, erhöhten Tempo, Intensität und Zielstrebigkeit – und entschieden die Partien am Ende souverän. In Summe reicht dem FC Bayern derzeit eine gute Halbzeit, um Spiele auf höchstem Niveau zu gewinnen. Ein Trend, der sich immer deutlicher abzeichnet.
Eberl warnt vor trügerischer Sicherheit
So beeindruckend die Serie auch ist, intern wird sie nicht nur gefeiert. Sportvorstand Max Eberl zeigte sich nach dem Champions-League-Spiel gegen Saint-Gilloise kritisch, insbesondere mit Blick auf die erste Hälfte.
„Gegen Wolfsburg, Köln und Leipzig hatte es mit dem Gegner zu tun gehabt. Heute hat es mehr mit uns zu tun gehabt, dass wir es nicht von Anfang an so gemacht haben, wie wir es können“, erklärte Eberl unmittelbar nach dem Spiel.
Der 52-Jährige machte dabei deutlich, dass dieser Trend kein Dauerzustand sein darf: „Wir können uns nicht immer darauf verlassen, dass wir in der 2. Halbzeit die Spiele drehen können!“ Eberls Mahnung ist klar: Gegen absolute Topgegner könnte eine schwache Anfangsphase irgendwann nicht mehr folgenlos bleiben.
Kompany sieht das Problem eher beim Gegner

Cheftrainer Vincent Kompany bewertet die Entwicklung differenzierter – und mit einem gewissen Perspektivwechsel. Der Belgier widerspricht der rein negativen Lesart und sieht vielmehr einen strukturellen Vorteil für seine Mannschaft.
„Die Frage kam schon öfters, ich habe darüber nachgedacht. Wenn man das bisschen dreht, könnte man sagen, dass das ein Problem für die anderen Teams ist. Weil sie immer in der zweiten Hälfte schwächer geworden sind“, erklärte Kompany auf der Pressekonferenz vor dem Bundesliga-Duell gegen den FC Augsburg.
Gleichzeitig zeigte sich der Bayern-Coach realistisch, was die ersten 45 Minuten betrifft: „Es ist Bundesliga, wenn der Gegner so frisch ist in den ersten 45 Minuten und alles für den Spielplan gibt, dass dann alles nicht so einfach ist, dass wir zwei, drei Tore machen und alles ist vorbei. So geht das nicht, nicht in der Bundesliga, nicht in der Champions League.“
Gerade das Leipzig-Spiel dient Kompany als warnendes Beispiel: „Gegen Leipzig war der Gegner deutlich besser als wir zu Beginn, das haben wir überlebt, das mag ich so aber nicht mehr sehen.“ Dennoch stellt er klar, dass die aktuelle Entwicklung aus seiner Sicht das kleinere Übel ist: „Ich habe es lieber, dass es in der ersten Hälfte nicht so gut läuft und in der zweiten dafür gut. Andersherum wäre es ein großes Problem!“
Schlussendlich zeigt sich: Der FC Bayern ist derzeit mental, körperlich und taktisch in der Lage, Spiele nach der Pause zu dominieren. Ob dieser Trend Ausdruck von Reife, cleverer Belastungssteuerung oder schlicht von individueller Qualität ist, bleibt offen. Klar ist jedoch: Solange die Ergebnisse stimmen, können sich die Münchner diesen Luxus leisten – ganz ohne Glanz in Halbzeit eins.
