Harry Kane ist beim FC Bayern weit mehr als nur Vollstrecker im Strafraum. Der englische Top-Stürmer hat nun selbst erklärt, warum er sich im Spiel häufig fallen lässt – und welchen taktischen Effekt das für die Münchner hat.
Seit seinem Wechsel nach München wird Harry Kane immer wieder dafür gelobt, dass er nicht nur Tore schießt, sondern das Spiel der Bayern lenkt, strukturiert und beschleunigt. Im Gespräch mit der britischen The Times hat der 32-Jährige erläutert, wie er seine Rolle interpretiert – und warum er sich bewusst aus der klassischen Neuner-Zone entfernt.
Kane beschreibt, dass sein Zurückfallen kein Zufall, sondern ein gezieltes taktisches Mittel ist. „Wenn eine Mannschaft gerne Druck ausübt, ziehe ich mich gerne zurück, manchmal sogar in die Verteidigungszone, um zu sehen, ob der Innenverteidiger wirklich bereit ist, mir bis zum Ende zu folgen – es kostet die Mannschaften viel, sich wirklich zu engagieren“, erklärte der Engländer. Genau darin liege der Schlüssel: Kane zwingt Gegenspieler zu Entscheidungen, die Räume öffnen – für ihn selbst oder für seine Mitspieler.
Warum Kane plötzlich als Sechser oder Achter auftaucht

Dass Kane beim FC Bayern phasenweise tief im Mittelfeld auftaucht, ist also kein Zeichen dafür, dass er dem Spiel fernbleibt – im Gegenteil. „Deshalb sieht man mich manchmal in der Position #6 oder #8 auf der halben Drehung“, so Kane. Dort könne er das Spiel lesen, Gegner binden und den nächsten Angriff vorbereiten.
Gerade gegen aggressive Pressing-Teams zahlt sich dieses Verhalten aus. Innenverteidiger stehen vor der Wahl: Folgen sie Kane, öffnen sie Räume hinter sich. Bleiben sie stehen, kann der Stürmer das Spiel vor sich aufdrehen. Für die Bayern entsteht dadurch ein struktureller Vorteil, der sich nicht immer sofort in Toren, aber fast immer in Kontrolle niederschlägt.
Im letzten Drittel sieht Kane seine Rolle ebenfalls anders als die eines klassischen Strafraumstürmers. „Im letzten Drittel spielen wir nicht wirklich mit einem klassischen Stürmer. Wir spielen fast mit zwei Spielern auf der Position 10, mit Flügelspielern, die nach innen ziehen“, erklärt er. Genau dieses flexible Positionsspiel sorgt dafür, dass gegnerische Innenverteidiger permanent unter Druck stehen.
„Die Innenverteidiger sind sich nicht ganz sicher, ob sie mit mir mitgehen oder zurückbleiben sollen“, beschreibt Kane die Situation aus Angreifersicht. Für Spieler wie Michael Olise oder Luis Diaz entstehen dadurch immer wieder Zwischenräume, die die Bayern gnadenlos bespielen können.
Anpassung je nach Gegner
Kane betont allerdings auch, dass nicht jedes Spiel gleich funktioniert. „Jedes Spiel ist anders. In manchen Spielen spielt man mit einer tiefen Abwehr, man bekommt nicht viel Platz, man muss einfach nur Räume und Bewegungen im Strafraum finden.“ In solchen Partien rückt Kane häufiger in die Box, agiert klassischer und setzt auf Timing statt Positionswechsel.
Der große Vorteil seines Ansatzes liegt laut Kane jedoch im Moment des Nachstoßens. „Wenn ich mich zurückfallen lasse und die Pässe weit spiele, verschafft mir das späte Erreichen des Strafraums oder der Tasche definitiv mehr Freiraum.“ Gerade gegen Manndeckung sei das entscheidend: „Manchmal, wenn man als Nummer 9 fast manngedeckt von den Innenverteidigern ist, ist es schwer, sich freizulaufen.“
Seine Lösung: Geduld, Spielintelligenz und ein verzögerter Laufweg. „Ich versuche, meinen Verstand und meine Fußballintelligenz einzusetzen, um zu sehen, wo der Raum ist, und ihn zu nutzen.“
Harry Kane verkörpert damit exakt das Profil, das Vincent Kompany für seinen FC Bayern sucht: einen Stürmer, der nicht nur Tore garantiert, sondern das gesamte Offensivspiel smarter, variabler und schwerer zu verteidigen macht.
