Das Trikot des FC Bayern ist weit mehr als ein sportliches Kleidungsstück. Es ist Identität, Kulturgut und wirtschaftlicher Faktor zugleich. Auf der SPOBIS gaben Jan-Christian Dreesen und Adidas-CEO Björn Gulden einen bemerkenswert offenen Einblick in die Philosophie hinter den viel diskutierten Designs – und kündigten gleichzeitig eine klare Rückbesinnung auf klassische Werte an.
Für den FC Bayern ist das Trikot ein zentraler Bestandteil der eigenen DNA. Vorstandsvorsitzender Jan-Christian Dreesen machte deutlich, wie eng Verein und Ausrüster seit Jahrzehnten miteinander verbunden sind. „Wir sind 60 Jahre zusammen und ich glaube, es ist völlig unstrittig, dass wir für Adidas eine wichtige Marke sind, aber umgekehrt eben Adidas für uns auch“, erklärte Dreesen auf dem Sportbusiness-Event SPOBIS. Entsprechend emotional sei auch der Blick auf das Trikot selbst: „Ich kann mir das Trikot auch ohne die drei Streifen nicht wirklich vorstellen.“
Gerade die Farben und ihre Zusammensetzung seien für viele Fans identitätsstiftend. Das Bayern-Trikot stehe für Heimat, Erfolg und Wiedererkennung – Werte, die nicht beliebig veränderbar seien. Gleichzeitig sei man sich beim FC Bayern aber bewusst, dass ein Trikot nicht allein aus Nostalgie bestehen könne.
Der ständige Spagat zwischen Tradition und Innovation

Dreesen beschrieb offen den inneren Konflikt bei jeder neuen Kollektion. „Aus der Sicht eines Designers muss natürlich jedes Jahr etwas Neues kommen“, sagte der Bayern-Boss und verwies darauf, dass längst nicht nur ein Trikot entworfen werde, sondern gleich mehrere Jerseys pro Saison. Dabei gehe es immer um die gleiche Kernfrage: „Wie können wir Tradition und das, was ein Teil der Fans als identifikationsstiftend sieht – nämlich die Farbe und die Zusammensetzung der Farben – verbinden, mit dann aber auch kleinen neuen Impulsen?“
Dass wirtschaftliche Aspekte dabei eine Rolle spielen, verhehlte Dreesen nicht. „Wir wollen ja auch Trikots verkaufen“, stellte er klar. Würde jedes Trikot Jahr für Jahr gleich aussehen, sei das weder für Adidas noch für den FC Bayern ein tragfähiges Modell.
Wenn Kritik den Absatz ankurbelt
Adidas-CEO Björn Gulden ging noch einen Schritt weiter und sprach offen über die Mechanismen hinter öffentlichen Debatten. „Es ist erst komisch: Je mehr Kritik du bekommst für ein Trikot, speziell der zweite oder dritte, je mehr verkaufst du“, erklärte Gulden. Als prägnantes Beispiel nannte er das pinkfarbene Deutschland-Trikot bei der Europameisterschaft: „Das war ein Desaster. Das haben wir hundertmal nachbestellt.“
Für Gulden ist das kein Widerspruch, sondern Teil der modernen Trikotkultur. Oft lehne der harte Kern der Fans neue Designs zunächst ab, während der erweiterte Fankreis genau diese Auffälligkeit suche. Aufmerksamkeit werde so zum entscheidenden Faktor im Markt.
Ein weiterer Schlüssel liegt laut Dreesen im veränderten Konsumverhalten jüngerer Zielgruppen. „Gerade bei den Jungen, die wollen die neuen Farben, die wollen auch mehr Aufmerksamkeit“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Für diese Generation sei das Trikot längst nicht mehr nur Fanbekleidung, sondern modisches Statement. Kleidung funktioniere heute anders als noch vor zehn oder zwanzig Jahren – und darauf müssten Klub und Ausrüster reagieren.
„Aber nächstes Jahr wird Bayern sehr klassisch.“
Trotz aller Experimente verliert der FC Bayern seine Wurzeln nicht aus den Augen. Gulden brachte die Design-Strategie auf eine einfache Formel: „Du brauchst zwei klassische und eine riskante.“ Genau deshalb gab der Adidas-Boss auch Entwarnung für Traditionalisten. Auf Nachfrage stellte er klar: „Aber nächstes Jahr wird Bayern sehr klassisch.“
Eine Aussage, die viele Fans beruhigen dürfte. Nach auffälligen Ausweichtrikots und kontroversen Designs soll das kommende Bayern-Trikot wieder stärker an das klassische Selbstbild des Rekordmeisters anknüpfen – ohne die grundsätzliche Offenheit für neue Impulse aufzugeben.
Am Ende zeigt sich: Das Bayern-Trikot bleibt ein Spiegel seiner Zeit. Zwischen Tradition und Trend, zwischen Kritik und Kaufrausch – und genau deshalb ein Thema, das den FC Bayern Jahr für Jahr begleitet.
