Josip Stanisic steht sinnbildlich für die stille Entwicklung beim FC Bayern. Während nach dem 3:2-Erfolg im Klassiker gegen Borussia Dortmund über strittige Schiedsrichterentscheidungen diskutiert wurde, geriet beinahe in Vergessenheit, wer diese Szenen überhaupt erst provoziert hatte. Es war Stanisic, der mit seinen Vorstößen auf der rechten Seite für permanente Unruhe sorgte.
Zweimal wurde er von Nico Schlotterbeck nur regelwidrig gestoppt. Einmal stand ein möglicher Platzverweis im Raum, später holte der 25-Jährige den Elfmeter heraus, den Harry Kane zum zwischenzeitlichen 2:2 verwandelte. Immer wieder marschierte Stanisic die Linie entlang, presste sogar BVB-Keeper Gregor Kobel tief in dessen Hälfte. Ein Auftritt, der seine Entwicklung eindrucksvoll unterstreicht.
Offensivdrang als neues Markenzeichen
Lange galt Stanisic als defensiv stabiler Außenverteidiger, der seine Wurzeln in der Innenverteidigung hat. Unter Vincent Kompany erlebt er nun eine bemerkenswerte Neuerfindung. Acht Scorerpunkte stehen in dieser Saison bereits zu Buche – doppelt so viele wie in seinen vier vorherigen Spielzeiten beim FCB zusammen.
Sportdirektor Christoph Freund zeigt sich begeistert: „Er wird fußballerisch immer besser, traut sich auch nach vorne immer mehr zu, ist sehr aktiv.“ Tatsächlich wirkt Stanisic in Ballbesitz deutlich selbstbewusster, sucht Eins-gegen-eins-Situationen und schaltet sich konsequent ins Angriffsspiel ein.
Gleichzeitig bleibt er pragmatisch. Nach der Elfmeter-Szene gegen Dortmund räumte er ein, dass er womöglich hätte weiterlaufen können. „Aber die Chancen stehen höher, dass Harry den vom Punkt macht“, erklärte er mit einem Lächeln. Ein Zeichen von Spielintelligenz – und Teamdenken.
Defensiv weiter auf Top-Niveau

Bemerkenswert ist, dass seine Offensivfreude nicht zulasten der Defensive geht. Gegen den BVB verzeichnete Stanisic sieben Ballgewinne, gewann alle fünf seiner Tacklings und kam auf eine starke Zweikampfquote von 73 Prozent. Werte, die unterstreichen, warum Kompany aktuell kaum auf ihn verzichten kann.
Mit den verletzten Alphonso Davies und Hiroki Ito sowie der Leihe von Sacha Boey ist die Flexibilität von Stanisic Gold wert. Er kann beide Außenbahnen bespielen und notfalls auch im Zentrum aushelfen.
Als Eigengewächs vom Campus erfüllt er zudem eine strategische Sehnsucht der Klubführung. „Er hat den Führungsspieler in sich“, sagt Freund. Die erfolgreiche Leihe nach Leverkusen, gekrönt mit dem Double, hat sein Standing weiter gestärkt.
Stanisic wirkt gereift, hungrig und bereit für mehr Verantwortung. Setzt er seinen Weg fort, wird er nicht nur sportlich unverzichtbar – sondern auch zu einem Gesicht dieser neuen Bayern-Generation.

