Harry Kane ist beim FC Bayern in erster Linie für seine außergewöhnliche Torgefahr bekannt. Der Engländer interpretiert seine Rolle unter Vincent Kompany allerdings deutlich vielseitiger als ein klassischer Mittelstürmer. Immer wieder lässt er sich weit zurückfallen, beteiligt sich am Spielaufbau und setzt seine Mitspieler mit präzisen langen Pässen in Szene.
Wie extrem Kane diese Rolle teilweise auslegt, war auch beim 5:1 zum Bundesliga-Auftakt gegen den VfB Stuttgart zu beobachten. Phasenweise holte sich der 33-Jährige den Ball tief in der eigenen Hälfte und agierte sogar als letzter Feldspieler vor Manuel Neuer.
In einem ausführlichen Beitrag für The Athletic unter dem Titel „Harry Kane: My game in my words“ hat der Bayern-Star nun erklärt, warum er sich auf dem Platz so gerne aus dem Sturmzentrum entfernt – und woher seine auffällige Qualität bei langen Pässen kommt.
Kane vergleicht sich mit einem NFL-Quarterback
Vor allem Kanes Diagonalbälle gehören mittlerweile zu seinem Markenzeichen. Der Bayern-Profi sieht dabei sogar Parallelen zu einer anderen Sportart.
„Das ist so ähnlich wie bei den Pässen des Quarterbacks. Ich bin ein großer NFL-Fan, und man sieht ja, wie sie ihre Pässe knapp über die Köpfe der Verteidiger hinweg werfen“, erklärte Kane.
Seine außergewöhnliche Passtechnik ist dabei keineswegs erst in München entstanden. Schon als Nachwuchsspieler bei Tottenham arbeitete Kane intensiv daran.
„Ich habe früher, als ich noch in der Jugendakademie war, fast genauso viel daran gearbeitet wie an meinem Abschluss. Ich erinnere mich, dass ich damals zusammen mit einem meiner Teamkollegen eine Stunde früher zum Training kam. Er stand auf der einen Seite des Strafraums, ich auf der anderen, und wir haben einfach nur Pässe geübt – mit beiden Füßen.“
Dabei profitiert Kane heute auch davon, dass er in seiner Jugend keineswegs ausschließlich als Stürmer eingesetzt wurde.
„Ich glaube, das Passspiel war schon immer eine meiner Stärken. Auch in den Jugendmannschaften habe ich viel als Mittelfeldspieler gespielt, daher kenne ich mich in den verschiedenen Bereichen des Spielfelds gut aus und bin gerne dort unterwegs.“
Kane will Gegenspieler aus ihren Positionen ziehen

Sein Zurückfallen ist gleichzeitig ein taktisches Mittel. Folgt ihm ein Innenverteidiger bis weit ins Mittelfeld, entstehen hinter der gegnerischen Abwehr Räume, die andere Bayern-Spieler nutzen können.
„Wenn du als Innenverteidiger mich deckst und ich mich dann bis zur Mittellinie zurückziehe, fühlst du dich vielleicht wohl dabei, so weit mitzukommen“, erklärte Kane seine Überlegungen.
Auch im letzten Drittel verhält sich der Torjäger nicht immer so, wie man es von einer klassischen Nummer neun erwarten würde. Bei Hereingaben zieht es ihn nicht zwangsläufig sofort in Richtung Tor. Häufig wartet Kane stattdessen an der Strafraumkante auf den zweiten Ball oder einen Rückpass.
„Ich warte gerne ab. Ich möchte sehen, wie sich das Spiel entwickelt. Also halte ich mich in einer bestimmten Position bereit. Ich mache mir im Kopf ein Bild davon, was um mich herum vor sich geht. Ich achte darauf, ob sich auf meiner blinden Seite ein weiterer Mittelfeldspieler oder Verteidiger befindet“, erläuterte der Engländer.
Genau diese Vielseitigkeit macht Kane für den FC Bayern so wertvoll. Der 33-Jährige ist nicht nur der wichtigste Torjäger der Münchner, sondern übernimmt gleichzeitig Aufgaben eines Spielmachers.
Dass Kane selbst tief in der eigenen Hälfte auftaucht, ist damit keineswegs Zufall. Es gehört zu einem Spielstil, den der Bayern-Star bereits in seiner Jugend entwickelt hat – und den er in München inzwischen nahezu perfektioniert hat.

